Frau Harkes Flucht aus den Kamernschen Bergen

Viele Jahrhunderte hatte Frau Harke in den Kamerschen Bergen geherrscht und versucht, die Ausbreitung des Christentums in ihrem Land zu verhindern.
Es wurden immer mehr Kirchen gebaut, man begann, die uralten Eichen in ihren Bergen zu fällen und für Haus- und Schiffsbau, für Handwerk und zum Heizen zu verwenden. Da wurde die Riesin traurig, denn die Ruhe und Verschwiegenheit in ihren Bergen war dahin…

Sie schickte ihre Diener aus, um einen neuen, ruhigen Wohnsitz zu erkunden. Bald kehrten sie zurück und meldeten der Riesin: auf den Höhen des Thüringer Waldes herrschte noch ungestörte Einsamkeit. Und so beschloss Frau Harke, nach Thüringen zu ziehen und sich dort niederzulassen.

Also rief sie ihr geheimnisumwittertes Gefolge zusammen und bereitete den Umzug vor. Ein letztes Mal ging sie an ihrem geliebten Kamerschen See entlang und steckte hier zum Abschied ihre „Hedemicke“ (das ist die alte Bezeichnung für Spinnrockenstock) in die Erde. Daraus wuchs ein großer, vielfach verzweigter Baum, eine Kiefer, deren Stamm noch heute am Ortseingang, an der Chaussee nach Sandau, zu sehen ist.

An einem ruhigen Abend tauchten an der Arneburger Fähre zwei Reiter auf. Solche Fährgäste hatte der Fährmann noch nie gesehen, denn sie ritten auf merkwürdigen kleinen Pferden. Und die wollten auch gar nicht übergesetzt werden, sondern sie forderten den alten Fährmann auf zu warten, ihre Herrschaft käme erst in der Nacht und alle hätten es besonders eilig…
Der Fährmann in der Hoffnung auf einen guten Lohn vertäute sein Schiff. Es musste gegen Mitternacht sein, als er plötzlich Hufschlag hört, der sich schnell näherte. Es waren die beiden Reiter auf ihren kleinen Pferden, und sie bugsierten durch Rufe und Anweisungen mehrere Fuhrwerke auf die Fähre. Man hörte ihre Räder auf die Fähre rumpeln, ihr Gewicht drückte sie tief ins Wasser, und die Elbwellen schwappten an die Bordwand. So sehr der Alte aber seine Augen auch anstrengte, er sah nichts auf der Fähre. Nur die beiden Reiter…

Bald erreichte die schwere Fuhre das jenseitige Ufer. Die Fuhrwerke rollten wieder von den Schiffsplanken und verschwanden im schweren, dichten Nebel. Nur einer der Reiter wartete auf ihn und gab ihm wortlos einen irdenen Topf. Als der Fährmann hinein griff, spürte er sofort, dass nicht die erhofften Münzen in ihm waren. Er fühlte nur zerbrochene Tonscherben. Voller Wut über die Fährgäste warf er das Gefäß mit den Scherben in den Strom, traf aber in der Dunkelheit nur seine Fähre, wo der Topf zersplitterte und im Wasser versank.

Als sich der Arneburger Fährmann am nächsten Morgen müde und lustlos an die Arbeit machte, sah er hier und da auf den Fährplanken glitzernde Goldstücke liegen: die alten Scherben aus dem Tonkrug hatten sich über Nacht in Goldmünzen verwandelt. Der ärgerliche Fährmann fischte nun den ganzen Strom ab nach den Resten des Tongefäßes, es war jedoch vergebliche Mühe: die Goldstücke blieben für immer auf dem Grund des Flusses verschwunden.
Da ahnte der Fährmann, dass es nur Frau Harke mit ihrem Gefolge gewesen sein konnte, die nachts für die Überfahrt seine Fähre benutzt hatten.

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